fr0IMKnP.jpeg 

Reiseland Albanien
Eine rein persönliche Einschätzung
 
Wer sich mit Albanien als Reiseland beschäftigen will der sollte zuvor unbedingt einen Blick auf die jüngere Vergangenheit des Landes werfen,
um dieses Land besser zu verstehen.
Mehrere Jahrzehnte war dieses streng kommunistisch geführt Land komplett von der Außenwelt abgeschottet.
Albanien war das einzige atheistische Land in dieser Welt, in dem Religion unter Strafe verboten war.
Die Folge: Es gibt sehr viele Ehen zwischen orthodoxen Christen und Muslimen.
 
IMG 7024a
Obwohl das Land überwiegend Muslimisch ist, laufen in Albanien die Frauen nicht verschleiert herum.
Die Jahrzehnte lange diktatorische Herrschaft vom Staat über seine Bürger hat zwangsläufig dazu geführt,
dass Eigeninitiativen nicht entstanden sind.
Auch heute fällt es der Bevölkerung noch schwer, Ideen aufzugreifen, Möglichkeiten zu nutzen oder eben Initiativen zu ergreifen.
So gibt es hier noch Dinge, die wohl fast nirgendwo mehr möglich wären.
Es ist zunächst einmal sportlich zu sehen, keine Steuern zu zahlen.
Gesetzte und Vorschriften gelten als grobe Empfehlung und müssen nicht -unbedingt- beherzigt werden.
Auf der einen Seite ist der Staat, auf der anderen Seite sind die Bürger.
Wenn der Staat alles reglementiert, dann soll er doch auch machen. Wir nicht.
Solche Einstellung ist besonders beim Müll zu erkennen, der überall herumliegt.
Dabei sind es nicht nur die Bürger, die Schuld daran tragen. Wenn der Bürger für die Müllabfuhr bezahlt,
der Müll aber nicht abgeholt wird, dann frustriert das und man wirft den Müll wieder einfach irgendwohin.
Es kann passieren, dass man in eine Fahrschule kommt und der Fahrlehrer fragt, wollen sie den Führerschein oder das Fahren erlernen.
Das ist natürlich nicht okay, passiert aber dennoch. Wie hoch die Zahl derer ist, die nie das Fahren erlernt haben, weiß ich nicht.
Fest steht, dass die Albaner „lebensverneinend“ Auto fahren.
IMG 7037a
 
Leider irren sich oft die Autofahrer, die meinen, dass sie um die Ecke gucken können.
Oftmals kann man nur den Kopf schütteln, wenn man solche Fahrweise sieht. Und oft geht es schief.
Dann sieht man am Straßenrand die Kreuze zum Gedenken der Unfallopfer. Und es sind viele.
Setzt man sich zu einem Albaner auf den Beifahrersitz und legt den Sicherheitsgurt an, dann erntet man misstrauische Blicke.
Wer den Gurt anlegt, der hat kein Vertrauen zur Fahrweise des Albaners.
Dass auch die Verkehrsschilder nur grobe Empfehlungen sind, haben wir in diesem Jahr wieder erlebt.
Wir waren mit 7 Autos unterwegs. Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 km/h und durchgehende Linie.
Ein paar Minuten hat sich der Fahrer vom Polizeiauto das angesehen, dann hat er uns alle überholt. (Es war kein Blaulicht Einsatz)
Sein letzter Überholvorgang erfolgte in einer scharfen Kurve.
Die Bremsen quietschten und er konnte gerade noch einscheren, sonst wäre er frontal mit dem Gegenverkehr kollidiert.
Jahrzehnte durften die Albaner ihrem Glauben nicht nachgehen.
Kirchen und Moscheen waren gemäß den atheistischen Verordnungen kaum noch vorhanden.
Inzwischen sieht man überall neugebaute Moscheen.
IMG 7064a
 
Dem Euro-Europäer, der immer wieder mit den Problemen des Islam konfrontiert wird, macht der Moschee-Bau natürlich Angst.
Hier in Albanien ist aber einfach so, dass die Moslime einfach nur einen Ort für ihre Gebete wollen.
Die strengen Koran Regeln interessiert hier aber niemanden.
In diesem Zusammenhang sehen wir Euro-Europäer natürlich noch einen Zusammenhang.
Morgens um 10.00 Uhr sieht man unheimlich viele junge Menschen in Cafes sitzen.
Der Bau von Moscheen, arbeitslose Jugendliche, das könnte zu einer Gefahr werden.
Sie könnten sich im IS radikalisieren.
Ein Einheimischer hat uns beruhigt.
IMG 7074a
 
Die Gefahr der Islamisierung ist hier in Albanien genau so weit weg, wie in allen anderen europäischen Ländern.
Und fürwahr, vom Islam spürt man in Albanien tatsächlich sehr wenig. Frauen mit Burka haben wir nicht gesehen.
Aber junge Frauen, die in Cafes saßen und geraucht haben.
Ich konnte also für mich registrieren, dass Moslime und Christen ziemlich konfliktlos zusammenleben.
(Ist der Mann Christ und seine Schwiegermutter Moslemin, kann es natürlich schon mal zu Konflikten kommen.
Aber das Risiko ist in Deutschland auch allgegenwärtig.)
So interessierte mich natürlich wie es in den abgelegenen Dörfern mit den Feiertagen gehalten wird.
„Ach, das ist einfach. Wenn wir Weihnachten feiern, dann feiern alle. Egal welcher Religion er angehört.
(Hier würde ich allerdings vermuten, dass dies nicht zu 100% stimmt.)
Als Resümee kann man also festhalten, dass Albanien ein tolerantes Land ist, das aber noch viele Probleme zu bewältigen hat.
Viele Menschen möchten gern nach Deutschland kommen. Immer wieder war es für uns schwierig zu erklären, dass Albaner in Deutschland einfach nur als Wirtschaftsflüchtlinge gelten und sie in Deutschland keine Chance haben.
IMG 7111a
So versuchen wir derzeit einem jungen Mädchen aus einem einsam gelegenen Bergdorf ein Studium zu ermöglich
und ihr klar zu machen, dass dieses Albanien sie hier im Land braucht.
Dieses junge Mädchen haben wir vor der Schule besucht und sie hat uns zu sich eingeladen.
Wir fuhren über den holprigen Dorfplatz, kamen auf eine Schotterpiste, fuhren einen steilen Hang hinunter und durch einen Fluss.
Nach 2 ½ Kilometern versperrten uns große Felsbrocken den Weg. Die letzten 300 Meter gingen wir zu Fuß.
Ich möchte das wie folgt titulieren:
Für die Einen ist es Offroad, für die Anderen der Schulweg.
IMG 7073a
 
Albanien liegt mitten in Europa. Dennoch hat man eher das Gefühl, dass man sich in Hermudistan oder noch weiter weg befindet.
Kommt man allerdings an die Küste, dann unterscheidet sich das kaum von Kroatien oder anderen Urlaubsregionen.
Hier fahren die dicken Autos, hier spürt man das Geld. Über Korruption möchte ich hier wenig sagen.
Mir ist aufgefallen, dass in einem kleinen Ort an der Küste viele Häuser schief standen.
Der Campingplatzbetreiber hat uns dann erklärt, dass es keine Erdbeben war, sondern die Neubauten,
die alles Schwarzbauten waren, von der Regierung gesprengt worden. Auch das ist Albanien.
In Albanien – so sagte uns ein Einheimischer – gibt es unendlich viele Gesetze und Vorschriften,
die man gar nicht alle kennen, geschweige dann einhalten kann.
Moment, gerade hatten wir doch festgestellt, dass Gesetze nur grobe Empfehlungen sind?
Richtig. Aber dann kommt irgendwann ein Regierungsvertreter zu Dir ins Geschäft und verlangt Unterlagen,
von deren Existenz Du gar nichts weißt. Dann macht man das Portemonnaie auf und die Kontrolleure sind wieder weg.
Im nächsten Jahr sind sie mit einer anderen Vorschrift unterwegs.
Und wieder wandert Geld von einer Tasche in die andere.
Der Regierung ist es also ganz recht, wenn die Vorschriften nicht eingehalten werden.
Und wenn der Bürger sieht, dass es auch ohne Gesetze geht, dann baut man eben einfach ein Haus ohne Genehmigung.
Und wechselt dann die Regierung, dann ist das ein Schwarzbau, der gesprengt werden muss.
Hier muss Albanien noch große Taten vollbringen, ehe man mit der realen Mitgliedschaft in der EU liebäugeln kann.
Wobei ich ganz klar erklären möchte: Albanien gehört als Teil von Europa auf jeden Fall in die EU.
Aber noch ist es zu früh, denn sonst würde die Schere zwischen den armen Menschen in den Bergregionen
und den Küstenbewohnern noch weiter aufklaffen.
Noch laufen hier einige Dinge etwas anders, als bei uns.
Das macht den Unterschied aber auch den Reiz aus, dieses Land zu bereisen.
Ich war 2011 das erste Mal in Albanien und habe nunmehr 8 Jahre Entwicklung im Land erlebt.
Bei unserer Reise im Herbst 2019 waren die meist gesprochenen Sätze von mir:
Das war letztes Jahr noch nicht. Letztes Jahr war hier noch Schotter.
Der Kreisel ist neu.
Albanien ist reich an Historie. In der Festung Apolonia, hat der spätere Kaiser August seine militärische Grundausbildung erhalten.
Der Kaiser August ist der Kaiser, von dem es im Lukas Evangelium in der Weihnachtsgeschichte heißt:
Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gesetz vom Kaiser Augustus ausging……
80% der Landschaft in Albanien sind Berge. 50% der Straßen sind im schlechten Zustand,
30% sind noch abenteuerliche Pisten durch die Berge, wo man die Angst noch real spüren kann.
Immer wieder Erdrutsche nach oder bei Regenwetter, steile Hänge und Leitplanken, die nicht vorhanden sind.
Albanien – mein Erlebnis-Land.
Ich komme im Herbst 2020 wieder.
Zum Seitenanfang
feedback
<<  November 2021  >>
 Mo  Di  Mi  Do  Fr  Sa  So 
  1  2  3  4  5  6  7
  8  91011121314
15161718192021
22232425262728
2930     
x